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Auswandern in Kanada – Erfahrungsbericht

Kanada gilt auch in der heutigen Zeit als eines der weltweit beliebtesten Auswanderungsländer. Im Gegensatz zu den sonnigen südeuropäischen Ländern, die bei Rentnern als Auswanderern besonders beliebt sind, suchen die Auswanderer nach beziehungsweise Einwanderer in Kanada durchweg eine neue berufliche Perspektive und Existenz. Die einen möchten ihre bisherigen Erfolge in Kanada nochmals toppen, andere haben die Absicht, mit etwas ganz Neuem anzufangen. Ein dauerhaftes Leben in Kanada verläuft zweistufig. Die als erstes erteilte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis ist unbefristet, der Einwanderer ist ein Permanent Resident. Nach Ablauf von drei Jahren kann erstmals ein Einbürgerungsantrag gestellt werden. Diese vorläufige „Residenzpflicht“ ist mit bestimmten Vorgaben zum Anwesenheitsnachweis verbunden. Verstöße dagegen können die Ausweisung in das Herkunftsland zur Folge haben.

Mit solchen Unwägbarkeiten befasst sich der Auswanderer eher nicht. Er ist von seiner zukünftigen Heimat begeistert und hochmotiviert, sich in dem Land, das rund achtundzwanzig Mal so groß wie Deutschland ist, ein neues Zuhause zu finden.

Der Auswanderer hat sich im Vorhinein für eine der dreizehn kanadischen Provinzen respektive Territorien entschieden. Zehn von ihnen sind deutlich größer als die Bundesrepublik. Jeder Auswanderer gibt seine Erfahrungen gerne an diejenigen weiter, die ebenfalls planen, ihr Leben in Kanada fortzusetzen beziehungsweise neu zu beginnen. Dabei muss in die ganz allgemeinen sowie in die persönlichen Erfahrungen des einzelnen Auswanderers unterschieden werden. Eine gewisse Objektivierung hilft dabei, die individuellen Erlebnisse des Einzelnen richtig einzuordnen.

  • Die kanadischen Behörden arbeiten in der überwiegenden Zahl aller Provinzen übergenau bis hin zu schwerfällig. Auf den Auswanderer macht es einen kaum nachvollziehbaren Eindruck, wenn beglaubigte Dokumente in englischer Sprache trotzdem noch angezweifelt werden. Beim Wechsel hin zu kanadischen Dokumenten wie einem Führerschein kann durchaus mit Schwierigkeiten gerechnet werden. Empfehlenswert ist die Einschaltung der deutschen Vertretung wie Botschaft und Konsulat, oder eines kanadischen Politikers. Die kanadischen Behörden sind relativ autark, man könnte auch sagen eigensinnig.
  • Für schulpflichtige Kinder ist der Schulalltag in Kanada nicht einfach. Im Gegensatz zu den Lehrmethoden in Deutschland müssen sich die Schülerinnen und Schüler bereits in den unteren Klassen den Schulstoff größtenteils selbst erarbeiten; eine Situation, wie sie von deutschen Gymnasien bekannt ist. Deutlich besser ist die Situation an kostenpflichtigen und teilweise recht teuren Privatschulen. Der normale Auswanderer muss seine finanziellen Ersparnisse in erster Linie in das berufliche Fortkommen investieren; ihm bleibt kaum Spielraum für eine kostspielige Schulausbildung von einem oder einigen Kindern.
  • Die medizinische Versorgung ist für den deutschen Auswanderer mehr als gewöhnungsbedürftig. Das kanadische Gesundheitssystem kann bei Weitem nicht mit dem hier geläufigen Standard mithalten. Flächendeckend besteht ein großer Mangel an allgemeinen Haus- und an Fachärzten. Die Grundstruktur ist mit der von gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland vergleichbar. Das Problem im Versorgungsalltag sind in vielen Provinzen die großen Entfernungen sowie die Konzentration der Versorgung vorwiegend auf Polikliniken. Diese Situation spricht eindeutig für ein Leben in oder in der Nähe einer Großstadt.
  • Der Auswanderer sollte ein guter Koch sein und sich dauerhaft selbst verpflegen können. Eine Verpflegung mit Fastfood ist auch in den meisten Restaurants üblich. Zubereitete Speisen als Tellergericht, als Menü oder in Buffetform sind eine Seltenheit. Fastfood ist preisgünstig, von seinem Ernährungsgehalt her jedoch nicht mit der eigenen Küche vergleichbar.
  • Die Arbeitssituation in Kanada klingt leichter und einfacher, als sie sich in den meisten Fällen in der Praxis erweist. Das gilt sowohl für eine Selbstständigkeit als auch für ein Arbeits-/Angestelltenverhältnis. In dieser Situation wird der Unterschied zwischen einem Touristen und dem Permanent Resident besonders deutlich. Die Einheimischen denken in jeder Hinsicht zunächst an sich und ihre Mitbürger; sei es bei einer befristeten Stellenvergabe, oder beim Handel mit Waren und Produkten. Wie es heißt, ist es sehr schwierig, dazwischen zu kommen. Das ist nicht unmöglich, allerdings auch nicht einfach. Um als Unselbstständiger Arbeitslosengeld beantragen zu können, müssen rund siebenhundert Arbeitsstunden nachgewiesen werden. Ohne Arbeit keine Arbeitsstunden, und ohne die kein finanzielle Arbeitslosenunterstützung.
  • Ergänzend zu den Ausgaben, die im direkten Zusammenhang mit dem Auswandern stehen, sollte eine finanzielle Reserve vorhanden sein, um das erste Aufenthaltsjahr ohne Arbeitseinkommen zu überstehen. Als Ausländer, gleich welcher Nation, ist es schwierig, sofort ein dauerhaftes und gesichertes Jobangebot zu bekommen. Die Anlaufzeit bis hin zu einer gewissen Existenzsicherung kann durchaus auch länger als ein Jahr dauern. Frauen müssen sich zunächst mit Teilzeit-/Minijobs begnügen. Männer erhalten deutlich eher einen Fulltimejob; der ist jedoch oftmals befristet oder unsicher.
  • Als überwiegend angenehm wird die Einstellung der Einheimischen empfunden, den Lebensalltag nicht allzu genau zu nehmen. Die deutsche Gründlichkeit ist in Kanada weder bekannt noch gefragt. Mit der Redewendung „take it easy“ wird manches Problem im Alltag gut und locker gemeistert. Für den deutschen Auswanderer ist das gewöhnungsbedürftig, wenngleich die Umstellung nicht schwerfällt. Sie ist ohnehin notwendig, weil der kanadische Bürger seine Einstellung dazu nicht ändert.
  • Das Wissen, sechs- bis achttausend Flugkilometer von der bisherigen Heimat entfernt zu leben, ist zu Anfang mit einem unguten Gefühl verbunden. Dem Auswanderer wird dringend angeraten, sich möglichst bald persönliche Kontakte und ein soziales Netzwerk aufzubauen. Je nach dem Aufenthaltsort muss damit per Internet begonnen werden. Wichtig ist das Empfinden, auch in der neuen Heimat zu einer Gemeinschaft zu gehören.
  • Enttäuschungen über eine zähe Bürokratie oder über ein mangelndes berufliches Fortkommen sind dadurch vermeidbar, dass sich der Auswanderer frühzeitig über die Gegebenheiten informiert. Damit ist der Zeitraum von mindestens einem Jahr gemeint. Erkundigungen müssen bei den richtigen und offiziellen Stellen eingeholt werden. Das sind die deutsche und die kanadische Botschaft, Handelskammern sowie Berufsverbände. Auch aus Erfahrungsberichten im Internet kann manches gelernt werden. Negative Erfahrungen anderer müssen nicht wiederholt werden.
  • Das A&O beim Auswandern nach Kanada ist die berufliche Perspektive. Der Auswanderer muss sicher sein, dass sein deutsches Berufsbild inklusive der dazugehörigen Ausbildung Eins zu eins in Kanada so anerkannt wird. Das ist keineswegs immer der Fall. Korrekturen sind vor dem Auswandern eher möglich als nach der Ankunft in Kanada. Der Auswanderer sollte sich auch frühzeitig mit der Mentalität und den Lebensgewohnheiten seiner zukünftigen Mitmenschen befassen; er sollte sich in deren Denkweise hineinversetzen. Nicht alles ist in Kanada besser als in Deutschland, vieles jedoch anders, sprich gewöhnungsbedürftig. Je eher die Umstellung auf die neue Lebenssituation erfolgt, umso kürzer ist der Gewöhnungsprozess. Der sollte durchaus schon in Deutschland, also vor dem Auswandern, beginnen.

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